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Lieder, die das
Leben schrieb: Freddy Quinn ist 80
Großer
Menschenauflauf am 9. Mai 2004 an den Hamburger
Landungsbrücken: Beim 815. Hafengeburtstag soll
etwas Besonderes geboten werden. Der Sänger
Freddy Quinn steht auf dem Museumsschiff
"Rickmer Rickmers" und knapp 90.000 Menschen
hören seinen Worten gespannt zu. Dann stimmt der
Musiker das Lied "La Paloma" an und die
Zuschauer singen unisono mit. Das bedeutet einen
neuen Weltrekord im Chorsingen und einen Eintrag
im "Guinness Buch der Rekorde". Ein zufriedenes
Lächeln huscht über Freddy Quinns Lippen. Der
Mann mit der kräftigen Bariton-Stimme hat wieder
einmal etwas Einzigartiges vollbracht - wie
schon oft zuvor in seinem bewegten Leben. Doch
seit einigen Jahren ist es still geworden um den
Sänger und Entertainer, der am 27. September 80
Jahre alt wurde.
Freddy, die Gitarre
und die Sehnsucht
der Matrosen
Bis heute gilt
Freddy Quinn als
erfolgreichster
Künstler der
Nachkriegszeit in
Deutschland.
Zwischen 1956 und
1966 hatte er zehn
Nummer-1-Hits.
Unvergessen: "Junge,
komm bald wieder"
und Lieder wie
"Heimweh", "Brennend
heißer Wüstensand"
oder "Die Gitarre
und das Meer". Sie
prägten seinen Ruf
als Hamburger Jung
und Seefahrer mit
Troubadourflair.
Mehr als 60
Millionen Platten
hat er bis zur
Jahrtausendwende
verkauft, 17 goldene
Schallplatten, 16
Löwen und zwei
Bambis bekommen. Er
hat in Musikfilmen
gespielt wie
"Freddy, die Gitarre
und das Meer" oder
"Heimweh nach St.
Pauli" mit der
Hollywood-Schauspielerin
Jayne Mansfield.
Meist mimte er den
heimatlosen
Einzelgänger, den es
als Seemann in die
weite Welt zieht.
Die Rollen schienen
ihm auf den Leib
geschneidert und
bedienten die
Sehnsüchte der
Nachkriegsgeneration.
Von Bundespräsident
Karl Carstens
erhielt Quinn 1984
das
Bundesverdienstkreuz.

Sänger und
Seiltänzer: Ein
Leben auf der Bühne
Gut 60 Jahre stand
Freddy Quinn auf der
Bühne, die sein
Leben bedeutet - als
Sänger,
Schauspieler,
Entertainer und
Zirkusartist. Doch
der Mensch Freddy
Quinn ist stets
geheimnisvoll
geblieben - rund 20
Versionen seiner
Lebensgeschichte
soll es geben.
Dichtung und
Wahrheit verweben
sich, es gab immer
wieder Gerüchte.
Quinn schien das
kalt zu lassen. Auf
die Frage, ob er
schwul sei,
antwortete er 2006:
"Es hat mich fast
amüsiert, wenn Leute
verbreitet haben,
ich sei
homosexuell." Er
schaffte es, sein
Privatleben
weitgehend von den
Medien fernzuhalten.
So ist nicht einmal
bekannt, ob er
jemals verheiratet
gewesen ist. Im Jahr
2002 bestätigte er
lediglich, dass er
mit seiner
langjährigen
Lebensgefährtin
Lilly Blessmann seit
1956 verlobt sei.
Abneigung gegen
Adoptivvater
Am 27. September
1931 wird Freddy
Quinn als Manfred
Franz Eugen Helmuth
Nidl im
niederösterreichischem
Niederfladnitz
geboren - er selbst
gibt Wien als
Geburtsort an. Nicht
Hamburg, wie man
annehmen möchte,
doch immerhin wurde
er nach eigenen
Angaben in seiner
Wahlheimat gezeugt -
dieses kleine Detail
aus seinem meist
verschlossenen
Nähkästchen plaudert
er gerne aus. Seine
Mutter war
Journalistin, sein
Vater - laut Quinn -
ein Kaufmann
irischer Abstammung,
bei dem er einige
Zeit in den USA
lebt. Zurück in
Österreich kommt ein
Stiefvater ins
Spiel, gegen den
sich der kleine
Manfred auflehnt.
Eine Zeit lang heißt
er Manfred von Petz
- erst 15 Jahre
später darf er
seinen Namen
offiziell in "Quinn"
ändern.
Flucht vor der
Polizei
Nach Ende des
Zweiten Weltkriegs -
Quinn ist gerade
erst 14 Jahre alt -
setzt er sich aus
Wien ab, um seinen
Vater in den USA zu
besuchen. Von den
US-Behörden wird er
zurückgeschickt,
weil sein Vater 1943
bei einem Autounfall
tödlich verunglückt
war. Zurück in
Europa geht der
Österreicher
zunächst auf die
Volksschule in
Antwerpen und später
in Wien. Nach kurzer
Präsenz am Gymnasium
in der Albertgasse,
reißt er als
16-Jähriger aus und
schließt sich einem
Zirkus an. Dort ist
er Allround-Talent,
arbeitet als
Kapellmeister und
Akrobat. Weil er
noch minderjährig
ist, wird er von
seinem Stiefvater
polizeilich gesucht.
Nach einer Warnung
flüchtet Quinn vom
Burgenland nach Rom
per Autostopp. In
der italienischen
Hauptstadt spielt er
Klavier für die
amerikanischen
Soldaten. Über
Palermo gelangt er
per Schiff nach
Tunis und von dort
als Anhalter nach
Algerien.
Der
Drei-Wochen-Fremdenlegionär
In der algerischen
Stadt Sidi bel Abbès
spielt Quinn in Bars
auf seiner Gitarre
vor den dort
stationierten
Fremdenlegionären.
Seine Lieder über
Sehnsucht und
Heimweh kommen gut
an und bringen ihm
viel Geld ein. Ein
Ausbilder der
Legionäre schlägt
ihm vor, probeweise
eine Grundausbildung
bei den
Berufssoldaten
mitzumachen. Nach
drei Wochen
Basistraining
entscheidet sich
Quinn gegen die
Fremdenlegion und
kehrt Anfang der
50er-Jahre nach
Europa zurück.
Erster deutscher
Grand-Prix-Teilnehmer
und
Schallplattenmillionär
1954
verdient Quinn sein
Geld mit Country,
Rock and Roll und
Shantys in der
Hamburger
"Washington Bar" auf
St. Pauli. Jürgen
Roland,
Fernsehregisseur und
Redakteur beim NWDR
- dem heutigen NDR -
und der Musiker
Werner Baecker
entdecken Quinn in
der Kneipe und
machen Aufnahmen für
den Sender. Die
Plattenfirma Polydor
wird aufmerksam und
strickt dem
gutaussehenden und
talentierten jungen
Mann eine dem Markt
angepasste
Biografie. Er nimmt
Gesangsunterricht
bei Professor Möbius
und
Schauspielunterricht
bei Joseph
Offenbach. Fortan
verschmilzt Freddys
Leben mit seinen
Liedern: Freddy auf
Wanderschaft,
heimatlos, auf der
Suche. 1956 hat er
mit "Heimweh" seinen
ersten Hit und wird
damit zum ersten
deutschen
Schallplattenmillionär.
Im selben Jahr
startet er bei der
Premiere des Grand
Prix für
Deutschland. Das
Lied "So geht das
jede Nacht" landet
auf Platz 13.
Freddy Quinns
Nummer-1-Hits
|
Jahr |
Titel |
1956
1956
1957
1958
1958
1959
1959
1961
1963
1966 |
Heimweh
Rosalie
Heimatlos
Der Legionär
Ich bin bald
wieder hier
Die Gitarre
und das Meer
Unter
fremden
Sternen
La Paloma
Junge, komm
bald wieder
Hundert Mann
und ein
Befehl |
Erfolgreich auch als Schauspieler
Seefahrer-Romantik, Sehnsucht und Heimweh sind neben Fischermütze und weinenden Bräuten am Hafen die Stichworte, die auch junge Leute heute noch mit Freddy Quinn verbinden. Dass er nie wirklich Seefahrer war, stört niemanden. Das Image steht. Auch wenn er immer wieder betont, dass die Seemannsballaden nur einen Teil seines Repertoires ausmachen. Am 7. Dezember 1957 hat er einen Auftritt in der ersten Aktuellen Schaubude. Danach ist er dort regelmäßig zu Gast. Im folgenden Jahr holt ihn Jürgen Roland für die Krimi-Serie "Stahlnetz" in der Folge "Die Tote im Hafenbecken" für eine Nebenrolle vor die Kamera. Danach spielt er in vielen Musikfilmen die Hauptrolle, Seite an Seite mit bekannten Schauspielern wie Heidi Brühl, Heinz Erhardt, Gustav Knuth oder Grethe Weiser. "Freddy, die Gitarre und das Meer" wird 1959 als erfolgreichster Film mit dem Bambi in Gold ausgezeichnet

Musical-Darsteller, Volksschauspieler, Operettensänger
In den 60er-Jahren verlegt Quinn seinen Wohnsitz für einige Zeit in die USA. Er startet 1962 eine weitere Karriere als Musical-Star und Volksschauspieler. Mit dem Musical "Heimweh nach St. Pauli" steht er mehr als 600 Mal auf bundesdeutschen Bühnen. An der Seite von Heidi Kabel hat er 1968 einen Gastauftritt beim Ohnsorg-Theater in dem Stück "Die Kartenlegerin". Seine Vielseitigkeit beweist er im selben Jahr auch als Operettensänger bei einer Aufführung der "Fledermaus". Mit dem Volksstück "Der Junge von St. Pauli" feiert er 1970 ebenso Erfolge wie drei Jahre später mit "Mensch, Kuddel, wach auf!". Quinn ist insgesamt etwa 1.000 Mal auf der Bühne des St. Pauli Theaters zu sehen.
Der Sänger als
Schauspieler
|
Jahr |
Filmtitel |
1954
1957
1958
1958
1959
1959
1960
1960
1961
1961
1962
1963
1964
1964
1971
1971
1983
1987
2004 |
Canaris
Die große
Chance
Heimatlos
Stahlnetz -
Die Tote im
Hafenbecken
(Fernsehen)
Freddy, die
Gitarre und
das Meer
Freddy unter
fremden
Sternen
Freddy und
die Melodie
der Nacht
Weit ist der
Weg
Nur der Wind
Freddy und
der
Millionär
Freddy und
das Lied der
Südsee
Heimweh nach
St. Pauli
Freddy und
das Lied der
Prärie
Freddy,
Tiere,
Sensationen
Freddy - die
Fahrt ins
Abenteuer
Haie an Bord
Die wilden
Fünfziger
Großstadtrevier:
Robin Hood
(Fernsehen)
Erbin mit
Herz
(Fernsehen) |
Sinkender Stern
Ende der 60er-Jahre, als Elvis, die Beatles und Rock and Roll angesagt sind, versucht Freddy Quinn anders zu sein, verschätzt sich aber mit dem Protestsong "Wir" - eine Kritik gegen die damalige Studentenbewegung, die nach Quinns Ansicht nicht arbeiten will und auf Kosten der Gesellschaft lebt. Auf der A-Seite der Schallplatte setzt er sich mit dem Song "Für eine Handvoll Reis" mit dem Vietnamkrieg auseinander. Sein Stern sinkt. Aber er bleibt aktiv.
Spannende Jahrzehnte: die 70er- und 80-Jahre
Bei der Eröffnungsfeier zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 singt er mit den Fischer-Chören vor 62.000 Zuschauern im Frankfurter Waldstadion das Lied "Das große Spiel". Obwohl Quinn keine größeren Hits mehr landen kann, bleibt er ein gern gesehener Gast in zahlreichen Fernsehshows und begibt sich erfolgreich auf Tourneen. 1981 gastiert der Sänger in der New Yorker Carnegie Hall. Das Konzert ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Im selben Jahr bekommt er die Hamburger Auszeichnung Ehren-Schleusenwärter. In dem Musical "Große Freiheit Nr. 7" tritt er 1984 in Hamburg auf und spielt 1987 und 1991 in zwei Folgen der Fernsehserie und NDR Produktion "Großstadtrevier" mit.
Zurück zu den Wurzeln - der Zirkus
Immer öfter tritt er zudem in seine alten Fußstapfen zurück - wer einmal Zirkusluft geschnuppert hat, der kommt von dieser Leidenschaft nicht mehr los. Freddy Quinn moderiert die Fernsehsendungen "Zirkus, Zirkus" und "Manegen der Welt", tritt in "Stars in der Manege" auf und geht in der "Arena der Sensationen" übers Seil - ohne Netz und doppelten Boden. Mit seinem Können erwirbt er sich in Artistenkreisen hohes Ansehen. Von Fürst Rainier von Monaco erhält er sogar den "Zirkus-Oscar". Quinn werden zudem TV-Sendungen anvertraut. Begleitet vom Orchester Bert Kaempfert präsentiert er 1976 und 1977 seine ersten eigenen Shows. Ferner moderiert er Anfang der 80er-Jahre Shows wie "It's Country Time", bei der Stars wie Dave Dudley, Emmylou Harris und Johnny Cash auftreten. 
Reumütiger Steuerhinterzieher
Doch die Erfolge der früheren Jahrzehnte lassen sich nicht wiederholen, obwohl er 1999 noch mehr als 50 Auftritte im Jahr hinlegt. 2004 wird Freddy Quinn wegen Steuerhinterziehung angeklagt, weil sein Hauptwohnsitz in der Schweiz gemeldet ist, sein Lebensmittelpunkt aber tatsächlich in Hamburg gelegen haben soll. Unter Tränen legt er am ersten Prozesstag vor dem Landgericht der Hansestadt ein Geständnis ab - schuldbewusst hatte er schon vor der Verhandlung rund 900.000 Euro Steuerschulden gezahlt. Im November wird der Steuersünder zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 150.000 Euro verurteilt.
Abschiedstournee und Schicksalsschlag
Trotz des Prozesses halten seine treuesten Fans zu ihm. Das zeigt seine Abschiedstournee "Memories" im Frühjahr 2005. Sein Motto ist stets: Aufhören, bevor die Leute Mitleid mit ihm haben. Doch Freddy Quinn bleibt präsent: Zum Empfang der "Queen Mary 2" im Hamburger Hafen Ende August 2006 wählen Hamburger ihre Lieblingslieder, darunter zwei Hits von Freddy: "Junge, komm bald wieder" und "La Paloma". Dann im Januar 2008 der Schicksalsschlag: Quinns Managerin und Lebensgefährtin Lilli Blessmann stirbt in einem Hamburger Krankenhaus an einer Lungenentzündung. Sie wurde 89 Jahre alt. "Sie war mein guter Stern", sagt Freddy Quinn. "An vorderster Front vor dem Publikum - da war ich gut. Aber hinter mir stand stets Frau Blessmann." Und so bewahrheiten sich die Zeilen "La Paloma ohé, einmal müssen wir gehen, einmal schlägt uns die Stunde der Trennung, einmal komm ich zurück".
Quelle: NDR
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